Unser Team wächst und neben unserem neuesten kubanischen Mitglied, Bryan Echarri Ramírez, arbeitet auch Linda Kirsten seit mehr als einem halben Jahr bei uns als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Mit Linda haben wir über ihren Berufseinstieg bei ProHD, ihre Aufgabenbereiche und Lernfelder gesprochen. Zum Schluss verrät sie uns ihre Zukunftsprognose für das Projekt.

Vom Studium in den Beruf: Wie bist du zu ProHD gekommen und was hast du davor gemacht?
Ich habe im Bachelor Linguistik und Bibliothekswissenschaften studiert. Über ein Praktikum beim Deutschen Textarchiv 2016/2017 (ebenfalls BBAW) bin ich zum DH-Projekt „Alexander von Humboldt auf Reisen – Wissenschaft aus der Bewegung“ gekommen und habe dort 2017 bis 2020 als studentische Hilfskraft gearbeitet.
Ich habe dort eine ganze Reihe von kleineren bis größeren Aufgaben erfüllt, wie das bei studentischen Hilfskräften üblich ist. Meine Hauptbereiche waren die Arbeit mit den sogenannten X-Technologien (XPath, XSLT) in den XML-Datensätzen des Projektes, um Fehler zu korrigieren sowie Vereinheitlichungen und Änderungen durchzuführen; dazu kam die Redaktion von Registern und der Editionsrichtlinien. Die X-Technologien habe ich mir im Wesentlichen autodidaktisch beigebracht, obwohl ich einige Grundlagen bereits im DTA-Praktikum gelernt hatte.
Das war meine Qualifizierung für den DH-Bereich und hat mich personell in die Nähe der Humboldt-Forschung an der BBAW gerückt. Rückblickend hat mir das XSLT-Skripten am meisten Spaß gemacht, auch wenn es noch Anfängerniveau war.
Als ProHD startete, habe ich noch als studentische Hilfskraft bei AvHR gearbeitet. Mir war also das Projekt geläufig und ich lernte gleich Antonio und Kathrin kennen.
Nach dem Abschluss meines Masters in Linguistik 2021 habe ich in einem anderen Projekt in der BBAW angefangen: „t.evo“ (Die Evolution komplexer Textmuster). t.evo ist im Bereich der Textlinguistik und historischen Korpora angesiedelt. Im Herbst 2021 galt es dann, die Koordinationsstelle bei ProHD neu zu besetzen und ich kam infrage. Man muss dazu sagen, dass ich Spanisch spreche (wenn auch etwas eingerostet) und direkt nach dem Abitur zwei Semester Spanisch, Italienisch und Portugiesisch studiert habe. Ich wollte aber von der Philologie weg und bin in die Linguistik gegangen. Meine Masterarbeit war eine psycholinguistisch-phonetische Studie. Trotzdem hat sich der Kreis wieder geschlossen und ich bin in einem philologischen Projekt gelandet. Hier gibt es natürlich einen technischen Anteil, der zu den Digital Humanities gehört, ich arbeite aber vor allem in der Projektkoordination.
Was ist genau deine Rolle im Proyecto Humboldt Digital und welche Aufgaben und Verantwortungsbereiche hast du und was sind deine Lernfelder?
Ich bin Projektkoordinatorin, das heißt ich kümmere mich um Nachweise für unsere Förderer, Berichte, Mittelabrufe sowie Projektorganisation. Im kommenden September/Oktober steht z. B. der nächste Aufenthalt des kubanischen Projektteams in Berlin an. Ich organisiere Unterkunft, Flüge, Versicherungen usw. Das klingt sehr simpel, sollte es auch sein, gestaltet sich im Detail aber oftmals viel komplizierter. Ich habe all diese Tätigkeiten im Schnellverfahren gelernt. Da in Corona-Zeiten und in einem internationalen Projekt, das in so unterschiedlichen politischen und ökonomischen System wie Deutschland und Kuba stattfindet, auch viele Hindernisse und Schwierigkeiten auftreten, braucht man bisweilen starke Nerven und Humor. Mittelverwaltung und allgemein Verwaltungsvorgänge sind meine Hauptlernfelder. Die Projektkoordination ist wirklich komplett neu für mich, aber dass ich im Vorfeld einige Jahre in Projekten an der BBAW gearbeitet habe, hilft.
Du hast noch eine weitere Tätigkeit: wie vereinbarst du das mit dem Projekt und was sind dort deine Aufgaben und Verantwortungsbereiche?
Bei t.evo handelt sich um ein Projekt in der historischen Korpuslinguistik und Textlinguistik. Meine Bachelorarbeit habe ich zu historischen Korpora geschrieben, also passt das fachlich gut. Ich bin dort für qualitative Aufgaben verantwortlich: Ich annotiere Texteigenschaften, die sich nicht automatisch erfassen ließen. Diese Annotationen werden ausgewertet, um die Entwicklung bestimmter historischer Textsorten über mehrere Jahrhunderte untersuchen zu können.
Dass man in der Wissenschaft in mehreren Projekten arbeitet, kommt häufiger vor. Ich habe das nicht geplant, aber es hat sich durch meine Anstellungsverhältnisse so ergeben: Die t.evo-Stelle ist eine 50%-Stelle. Die Vereinbarkeit von zwei Stellen läuft bei den meisten nicht ideal. Man lernt aber durch die „Doppelbelastung“ sehr schnell, Prioritäten zu setzen und sich um das Wesentliche zu kümmern.
Was sind die Digital Humanities für dich und wie passt ProHD dazu?
Einfach formuliert: Geisteswissenschaftler:innen versuchen Computer möglichst gut für ihre Forschung zu nutzen, indem sie bereits existierende Methoden an die digitale Welt anpassen und neue, genuin digitale Methoden entwickeln.
Ich denke, die Digital Humanities sind (nicht nur, aber auch) insbesondere für Nachwuchswissenschaftler:innen interessant, da ja in vielen geisteswissenschaftlichen Studiengängen nach wie vor kaum praktische Fähigkeiten vermittelt werden, die auch außerhalb der jeweiligen Forschungsfelder eingesetzt werden können, wie z. B. Statistik oder Programmieren. Das klingt jetzt wahrscheinlich sehr wirtschaftsorientiert, ist aber die Realität, der sich Studierende heutzutage stellen müssen. Digitale Qualifikationen bieten bessere berufliche Perspektiven, auch innerhalb der Wissenschaften. DH ist insofern aus meiner Sicht ein Schritt in Richtung „digitale Gesellschaft“. Diese allgemeine Entwicklung ist im Gange und lässt sich nicht mehr aufhalten.
Dieser Blickwinkel lässt sich gut auf ProHD übertragen. Die jüngeren Wissenschaftler:innen aus unserem kubanischen Team und deren Umfeld sehen die zunehmende Nutzung digitaler Methoden als Schritt nach vorne, als Teilhabe an zukunftsträchtiger Forschung. Wir können ihnen da Ansätze und Mittel bieten, sich in diese Richtung zu entwickeln.
Worin siehst du die größten Herausforderungen und Chancen des Projekts?
Die größte Herausforderung ist die Corona-Pandemie. Inzwischen hat sich die Lage soweit beruhigt, dass Aufenthalte in Berlin und Havanna wieder möglich sind. Aber unsere geplanten Reisen nach Kuba 2020 und 2021 und der Besuch des kubanischen Teams in Berlin 2020 mussten ersatzlos gestrichen werden. Rund um beiden Projektreisen (2021 nach Berlin, 2022 nach Havanna) kam es zu Corona-Fällen im Team, die für einigen Wirbel gesorgt haben. Glücklicherweise sind alle wieder gesund. Ich bin gespannt, wie es beim Besuch des kubanischen Teams im Herbst laufen wird.
Eine positive Sache kann man der Pandemie abgewinnen: Sie hat, zumindest in Deutschland, einige Digitalisierungsprozesse am Arbeitsplatz beschleunigt und es gibt nun bessere Tools für Telearbeit. Das kommt dem Projekt auf jeden Fall zugute.
Wenn wir einen Blick in die Zukunft wagen: Wo siehst du das Projekt in 5 Jahren?
In fünf Jahren liegt das Projekt ja vollständig in den Händen unserer kubanischen Kolleg:innen. Bis dahin werden die Dossiers angewachsen sein und es wird sich vielleicht unter dem Dach des Patrimonio Documental der OHCH ein Digital-Humanities-Zentrum in Kuba gebildet haben.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
julianahutai (10. August 2022). “(…) man braucht bisweilen auch starke Nerven und Humor” Proyecto Humboldt Digital (ProHD). Abgerufen am 9. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/peom

